#Geschichten vom Scheitern

#Geschichten vom Scheitern

Die Überschrift ist eine besondere. Sie hat mich sofort angesprochen. Deshalb nehme ich gerne an der Blogparade von meiner lieben Bloggerfreundin Anne vom Blog Grosse Köpfe teil.

Es wird wahrscheinlich ein längerer Artikel. Ich starte einfach mal. Ich kann sehr offen über das Thema reden. Bin auch nicht mehr traurig über das was passiert ist, aber ich habe es noch nie aufgeschrieben.

Julius und ich haben vor ca. zwei Jahren ein Start-up gegründet. Als Gründer hatten wir drei Besonderheiten. Wir waren ein Paar, hatten ein Kind und ich war schwanger.

Sarah_Matilda_6221

Unsere Idee war wirklich sehr vielversprechend, trotzdem wussten wir ziemlich schnell, dass wir Kapital benötigen. In Amerika hatte einige Monate vorher ein sehr ähnliches Unternehmen mehrere Millionen eingesammelt, was unsere Ausgangslage um einiges verbesserte. Wir hatten das eine oder andere Angebot und waren uns bei der Wahl aber nicht immer einig.

Je dicker mein Bauch wurde, desto weiter schritten auch die Verhandlungen voran. Es war oftmals sehr stressig und ich hatte kaum Zeit die Schwangerschaft zu genießen. Es war schön schwanger zu sein – genau wie beim ersten Mal. Ich hatte keine Probleme, aber wäre der Bauch nicht da gewesen, hätte ich an einigen Tagen wahrscheinlich selber vergessen, dass ich bald noch ein Baby bekommen würde. Es war keine Zeit für Vorfreude. Wir haben alles getan, um mit unserer Firma voran zukommen. Daran hing für uns gefühlt wirklich „die Chance unseres Lebens“. Kurz vor der Geburt hatten wir mehrere mögliche Investoren überzeugt.

Wir waren super glücklich. Unser „Baby“ konnte jetzt richtig groß werden. Zur selben Zeit ist auch unser Sohn geboren. Er war sehr pflegeleicht und wir haben ihn zu jedem Termin mitgekommen.Vier Wochen nach der Geburt sind wir wieder richtig arbeiten gegangen. Unser Sohn war überall mit dabei.

 

Vater und Sohn

Kind von Sarah Seeliger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir ziehen in unser erstes kleines Büro.

Ich hab versucht mich zu zerteilen. Zwei Kinder, eine Firma und nebenbei noch studieren war manchmal ganz schön viel. Ich hatte aber die Motivation, die Kraft und die Unterstützung von Julius um es zu schaffen. Am Nachmittag haben wir abwechselnd unsere Tochter von der Kita abgeholt. Abends, die Kinder ins Bett gebracht und immer, wenn die Kinder schliefen, habe ich weitergearbeitet. Freizeit oder Abschalten kannte ich nicht mehr. Zu Pfingsten waren wir mit meiner ganzen Familie auf einem Hausboot in Brandenburg unterwegs. Ich habe mir fast jede Minute gewünscht ich hätte Internet und könnte arbeiten. Ich konnte die Tage einfach nicht genießen.

Mit der Zeit gab es in der Firma mit dem neuen Team Streitpunkte und es wurde kompliziert. Ich steigerte mich hinein, obwohl ich mich nicht hineinsteigern wollte – weil mir die Firma so unendlich viel Wert war.

Wir haben viele Fehler gemacht, sind uns selbst nicht Treu geblieben und am Ende musste Julius gehen. Nachdem Julius nicht mehr im Unternehmen war, bin ich wenige Monate später auch gegangen. Mehrere Monate war ich nur traurig. Richtig traurig. Ich habe das Unternehmen sehr vermisst und vieles sehr bereut.

Familie Sarah und Julius

Um etwas abzuschalten sind wir erst einmal ein paar Tage verreist. Das tat gut und gab uns allen sehr viel Kraft. Daraus habe ich viel gelernt. Deshalb bin ich auch nicht mehr traurig und kann locker darüber reden. Wir haben uns weiterentwickelt und sehen das Scheitern im Nachhinein gar nicht mehr als Scheitern.

Das Allerwichtigste ist: wir nehmen uns nachmittags und am Wochenende Zeit für die Kinder. Zwischen 16.30 und 19.30 sind unsere Handys und Computer aus. Wir machen den Computer nur kurz an, um eine Folge Lauras Stern mit den Kindern zuschauen. Wir haben wieder Hobbies. Julius spielt in einer Band. Ich gehe weg und treffe Freundinnen. Wir haben gelernt abzuschalten. Unseren Kindern und uns geht es gut. Es ist eigentlich nichts Schlimmes passiert. Es ist niemand gestorben, es ist niemand krank, also können wir uns sehr glücklich schätzen – egal wie es weiter geht.

Zum Schluss geht noch ein Dankeschön an Julius für die gemeinsamen Höhen und Tiefen.

Herzlichst, eure Sarah

4 Kommentare

  1. Liebe Sarah, ich finde den Text traurig und auch positiv zugleich. Denn jeder von uns ist bestimmt schon mal gescheitert. Ich auch. Aber mit Librileo hast du doch was Neues gefunden, oder? #Geschichten vom Scheitern ist übrigens eine super ansprechende Wortwahl. Kompliment.
    Viele Grüße Suse

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  2. Ja, das Leben hat Höhen und Tiefen. Manchmal merkt man erst im Nachhinein, wofür das Scheitern gut war :-/ und welche “Tür” sich dadurch geöffnet hat.

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  3. Liebe Sarah, das ist ein sehr schöner, ehrlicher Beitrag! Danke für Deine offenen Worte. :) Ich freue mich, dass Ihr das Positive an dieser ganzen Situation sehen konntet. Und am Ende schließt sich der Kreis.

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